| Genre | Point & Click Adventure |
| Spieler | 1-2 |
Wie bereits auch der letzte Spieler gemerkt haben müsste, erfahren die Point&Click-Adventure ihren dritten Frühling. Ein Spiel, das davon profitierte und bereits im Jahr 2006 auf dem PC zum Überraschungserfolg wurde, war Geheimakte Tunguska. Mit der Portierung auf die Wii ist es eines von bisher wenigen Adventures für die Konsole. Ob es auch hier einen Punktsieg landen kann oder im grauen Mittelmaß verschwindet, wie bereits zuvor CSI und mit Abstrichen Agatha Christie?
Eine mysteriöse Explosion
Die Story sollte noch von der PC-Version bekannt sein, doch für alle reinen "Konsolen-Gamer" noch einmal eine kurze Zusammenfassung. Das Jahr 1908, Sibirien, Tunguska-Region: Eine gewaltige
Explosion löst ein unvorstellbares Flammeninferno aus. Ursache: unbekannt. Gab es geheime Versuche? Steckt eine Geheimorganisation dahinter oder ging es gar um eine politische Verschwörung? Eine
Antwort darauf gibt es nicht, alle Beweise und Beteiligten erliegen der Feuerwelle.
100 Jahre später ist die Katastrophe in Vergessenheit geraten und wird plötzlich doch wieder brandaktuell. Denn auf einmal verschwindet ein Wissenschaftler, der sich mit der Tragödie und ihren
Ursachen beschäftigt hat, spurlos. Seine Tochter, Nina Kalenkow, macht sich auf die Suche nach ihm und kommt einem großen Geheimnis auf die Spur...
An dieser Stelle steigt ihr in Person von Nina Kalenkow ins Spiel ein. Ohne großartiges Hintergrundwissen und mit einer Menge Fragen beginnen Sie die Suche nach ihrem Vater. Dabei zur Seite steht euch ihr Freund Max, der im Spielverlauf auch spielbar ist. Mit ihm absolvieren Sie eine gefährliche Reise quer durch die Welt, von Kuba bis Sibirien.
Eine beschwerliche Reise?
Was die Story, ihre Rätsel und Geheimnisse angeht, trifft dies wohl zu, wobei wir besser anspruchsvoll als beschwerlich sagen. Die Rätsel sind zum größten Teil logisch, so dass jedes Individuum
mit normalem Menschenverstand auf die Lösung kommen kann. Dass logisch nun nicht in jedem Fall leicht bedeutet, wird an einigen Stellen klar, an denen eine Mehrfachkombination à la Gegenstand A + B =
C und C + D = Lösung gefragt ist. Ein wildes Ausprobieren der Inventargegenstände bleibt also die meiste Zeit erspart, wenn die grauen Zellen nur ein wenig angestrengt werden - und dazu ist ein
Adevnture ja auch da.
Natürlich gibt es manchmal auch Lösungswege, die etwas von der Monkey Island-Denkweise haben - beispielsweise wenn ein Regenrohr erst mit Essig gesäubert werden muss, um es dann als Verbindungskanal
zu nutzen - doch sind solche Fälle gut verteilt über das Spiel gesäht. Es entsteht also in den seltensten Fällen Frust.
Ebenfalls vorteilhaft ist das freie Einsammeln von Gegenständen. Alles kann mitgenommen werden, auch wenn es erst später benötigt wird. Ein wichtiges Detail, das die Logik unterstreicht und
Enttäuschungen wie bei Runaway 2 der Vergangenheit angehören lässt.
Was die Steuerung anbelangt, könnte die Reise nicht ungezwungener sein. Mit der Wiimote wird gezeigt, wo man hinlaufen möchte, die Knöpfe "A" und "B" sowie "Steuerkreuz unten" belegen die
Handlungen "Benutzen", "Ansehen" und das Inventar. Wahlweise kann zur Figurensteuerung auch der Nunchuk angeschlossen werden, doch auch ohne funktioniert die Steuerung von Nina hervorragend.
Lange Laufwege sind ebenfalls passé, da ein Doppelklick auf eine Tür oder einen Ort direkt in die neue Szenerie wechselt. Die Kinderkrankheiten, die einige Adventures selbst auf dem PC heute immer
noch aufweisen, hat die Wii-Version gemeistert.
Etwas verschenktes Potential kann allerdings bei der Steuerung bemängelt werden, denn hier hätten zusätzlich die für die Wii geschaffenen bewegungsempfindlichen Steuerungs- und Lösungselemente à la Zack & Wiki eingebaut werden können. Kein Weltuntergang, aber eine vertane Chance.
Nette Zugabe der Wii-Version ist aber wiederum der Koop-Modus: Hier kann als Team gerätselt werden, wobei der zweite Wiimote-Nutzer leider nur interessante Stellen auf dem Bildschirm mit einem
Ausrufezeichen versehen kann. Die Ausführung und das Vorantreiben der Handlung liegt beim ersten Spieler.
Hier gilt also auch eher: Nettes Beiwerk, das etwas konstruiert wirkt, statt vorantreibende Kraft für das Spiel.
Sackgasse = Frustmoment?
Nicht bei Geheimakte Tunguska. Das Spiel bietet verschiedene Möglichkeiten, dem Spieler "unter die Arme zu greifen." Bin ich an einem Punkt angekommen, an dem nach eigenem Empfinden "nichts mehr
geht", drücke ich den 1-Knopf. Es erscheinen Hotspots, mit denen ich interagieren kann. Das schöne ist, das es optional ist und ich bei Gefallen den Bildschirm absuchen darf, es aber nicht notwendig
ist.
Das ist aber noch nicht alles: Alle wichtigen Informationen werden im Tagebuch gespeichert, so dass Vergangenes und wertvolle Tipps immer nachgelesen werden können. In gewissen Spielsituationen kann
man sich gar Tipps anzeigen lassen, die zur Lösung eines Rätsels dienen. Dieser Service ist zwar nicht immer verfügbar, aber definitiv an den kniffligen Stellen, wo er auch benötigt werden
könnte.
Der Spieler entscheidet also selbst, ob er Kopfnüsse knacken oder die Story schnell weitertreiben möchte.
Dolby Surround?
Nun gut, ganz so ist es dann doch nicht, aber die Sprachausgabe in Geheimakte Tunguska ist wirklich sehr gut gelungen. Die Geräuschkulisse erzeugt eine stimmige Atmosphäre und die Figuren sind mit
hervorragenden Sprechern besetzt. Sound und Sprache ergänzen sich zu einer stimmigen Einheit und wecken die Authentizität des Spiels.
Auch wenn einige Sätze teilweise etwas unglücklich wirken, weil sie unlogisch oder dumm in den Gesamtkontext eingebaut sind - etwa wenn die Polizei das Wort Einbruch in einem Hilferuf übergeht oder
die clevere Nina etwas naive Sprüche von sich gibt wie "oh guck mal, jetzt ist es da" -, ist das Spiel in sich schlüssig.
Etwas deprimierend ist nur, dass die Gespräche in Geheimakte Tunguska nicht immer wichtig sind. Zwar werden alle wichtigen Informationen aus den Gesprächen gefiltert und im Tagebuch festgehalten, doch ist dies recht selten der Fall. Meist sind die Dialoge als Small Talk anzusehen, die die Handlung nicht wirklich weiterbringen, beziehungsweise sich darauf auswirken.
Und für's Auge
Grafisch macht Geheimakte Tunguska eine ordentliche Figur auf dem Fernseher, denn im Gegensatz zum hochauflösenden PC-Bildschirm gibt es kein Pixelfest und die Kanten wirken weich
gezeichnet.
Zudem wirkt nicht nur die Atmosphäre, sondern auch die Umgebung stimmig: in Deutschland sind die Straßennamen auch deutsch, in Russland (logischerweise) nicht.
Abgerundet wird das Bild durch nette kleine Animationen - fliegende Vögel, windende Baumkronen -, die den Hintergrund auflockern.
Fazit
Geheimakte Tunguska war bereits auf dem PC ein Adventure, das logisch, spannend, tiefgreifend, fesselnd und mit guter Steuerung versehen war. Häufige Fehler oder Nervfaktoren wie zu lineare oder
zu offene Handlungen, unlogische Rätsel oder Sackgassen, lange Laufwege und Items, die erst nach bestimmten Aktionen verfügbar sind, wurden vermieden. All diese positiven Aspekte hat Geheimakte
Tunguska auch auf die Wii übertragen können und zusätzlich noch kleinere Extras (Koop-Modus) eingebaut. Das Spiel ist also nach wie vor ein sehr guter, attraktiver Titel, der auch nach zwei Jahren
noch begeistern kann.
Einzig die bereits vergangene Zeit - der Titel ist nun einmal schon etwas älter - und kleinere Stoplersteine, die bei der Portierung hätten abgeschafft werden können, schmälern das Gesamtergebnis.
Trotzdem hat es erneut Spaß gemacht, das Geheimnis um die Explosion in Sibirien zu lösen. Ein Kauf lohnt.
--> by Rafael
+ Spannende, tiefsinnige Story
+ Optionale Hilfe
+ Super Sprachausgabe
+ Logische Rätsel & Lösungen
+ Perfekte Steuerung
- Wenig Neuerungen zur PC-Version
- Koop-Teil wirkt konstruiert
- Dialoge nicht spielbeeinflußend
Wiikend-Wertung: 81%
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